Ich will springen ins Nass, tauchen, wimmeln*

Ein Nachruf auf Bernd Isert von Michael H. Klein

Liebe Freundinnen und Freunde,

Bernd Isert ist leider am 21. Januar 2017 nach kurzer Krankheit in Afrika verstorben – und jeder, der ihn kannte, wird wertvolle und bleibende Erinnerungen mit ihm verbinden.

Bernd ist der Mensch gewesen, der mich zum NLP gebracht hat. Ich habe bei ihm alle NLP-Ausbildungsstufen besucht, und ich wäre heute nicht der Mensch, der ich bin, wenn ich Bernd 1989 nicht als Trainer in der NLP-Practitioner-Ausbildung begegnet wäre. Seine Art, mit dem NLP umzugehen und es vor allem sehr kreativ und sehr spielerisch weiterzuentwickeln, hat mich immer fasziniert. Seine Leichtigkeit und spielerische Eleganz, mit der er die unterschiedlichsten Methoden miteinander kombiniert und zu seiner ganz eigenen Vorgehensweise in Therapie, Coaching und Seminargestaltung weiterentwickelt hat, wird mich immer begleiten. Dafür bin ich ihm sehr dankbar.

Bernd hat die Freiheit geliebt und die Freiheit gebraucht. Deshalb saß er in der DDR im Knast, kam dann frei und in die damalige BRD, und geblieben ist immer seine Sehnsucht nach anderen Ländern und anderen Kulturen. So hat er wahrlich die ganze Welt bereist und war immer neugierig darauf, was es an „alternativen Heilmethoden“ dort gibt, und selbstverständlich hat er alle an sich selbst ausprobiert. Er war immer suchend und verbindend. Und daher war ihm auch alles Dogmatische und einseitig Kausale im NLP eher ein Ansporn, sich darüber hinwegzusetzen als sich anzupassen, stets davon angetrieben, kreative Denkmodelle, Vorgehensweisen und scheinbar unvereinbare Dinge doch miteinander zu verknüpfen.

1986 gründete er das „Forum für Meta-Kommunikation“ mit dem Gedanken, einen Ort und eine Organisation zu schaffen, die wirklich ein Treffpunkt unterschiedlicher Richtungen und Menschen sein kann. So entwickelte er das „Forum“ in den nächsten Jahren zu einem Netzwerk von Städtepartnern, um durch den Austausch und die gegenseitige Unterstützung das NLP weiterzuentwickeln und bekannt zu machen. Bereits seit 1990 veranstaltete er erste „Sommercamps“ zunächst in Deutschland, dann folgten sehr bald Portugal, Teneriffa, Österreich, Ungarn und schließlich ab 2006 Abano Terme in Italien (bis heute). Seit 2004 führte er auch jährlich ein sehr großes Camp in Brasilien durch.

Am Anfang waren es in Deutschland kaum mehr als 30 Teilnehmer*innen, doch jährlich wurden es mehr und in Italien kamen dann mehr als 600 Menschen zusammen. Schon Anfang der 90er Jahre fanden neben dem NLP auch andere Ansätze, Denkmodelle und therapeutische Vorgehensweisen ihren Platz. So war zum Beispiel in den ersten Camps eine philippinische Heilerin auf seine Einladung hin mit dabei, und viele der Teilnehmenden haben dadurch Erfahrungen jenseits ihres bisherigen Weltmodells sammeln können.

Bernd beschäftigte sich schon Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre auch mit Kinesiologie, brachte uns damals schon den Muskeltest bei, experimentierte mit Augenstimulation oder dann EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing) und Affirmationen wie in der EFT (Emotional Freedom Technik). Damit war er seiner Zeit weit voraus, und diese Ansätze waren kaum jemandem zu dieser Zeit in Deutschland bekannt.
Seit Mitte der 90er Jahre entwickelte Bernd das, was er später „Integratives Coaching“ nannte – eine einzigartige Verbindung von NLP, hypnosystemischem Verständnis, Aufstellungsarbeit mit Figuren und Kinesiologie.


Bernd Isert

* 26. Juni 1951 in Ost-Berlin
† 21. Januar 2017 in Lagos, Nigeria


Folk

Und doch ist sie
noch geil, die Welt.
Und tatsächlich
finden sich Wiesen
und Wurzeln und
Felsen am Meer
und mehr noch der
Unaussprechlichkeiten.
Ich will springen
ins Naß und tauchen,
wimmeln.
Nur Himmel soll sein
und die strahlenden
Dinger – Wellen,
die mich nach Hause tragen.

Bernd Isert


* Der Titel dieses Nachrufs entstammt dem Gedicht “Folk” von Bernd Isert, veröffentlicht in: Bernd Isert, Die Kunst schöpferischer Kommunikation, Junfermann 1996

Im Gegensatz zu vielen anderen in der NLP-Szene hat er dabei nie die Marketingmaschine angeworfen, nie aus all dem, womit er seine Seminarteilnehmenden in ihren Erfahrungen bereicherte, Marken und Produkte für den Trainer- und Coachingmarkt gemacht. So hinterlässt er keine „Marken“, die mit c (copyright) geschützt sind, sondern unzählige Menschen, die etwas von seinem „Spirit“ aufgenommen und von ihm gelernt haben.

Auch in seinem Auftreten ist er höchst unkonventionell geblieben – meist entsprach er nicht der „kontextangemessenen Kleiderordnung“. Und was ihn für mich zu einem Vorbild gemacht hat: Er hat nie behauptet oder so getan, als hätte er die entscheidenden Lebensfragen für sich geklärt und als müsse man nur ihm nacheifern, um „reich, glücklich, sexy und erfolgreich zu sein“. Ganz im Gegenteil, gerade indem er sich auch in seinen Seminaren und Veranstaltungen als ein Mensch mit vielen offenen Fragen, Unzulänglichkeiten und kleinen Schusseligkeiten gezeigt hat, indem er manchmal auch offen zeigte, woran er persönlich scheiterte und litt, ist er zu einem sehr wertvollen Modell für unzählige Menschen geworden. Gerade Menschen, die selbst von ihrer Persönlichkeit her sehr strukturiert waren und starke perfektionistische Anteile in sich trugen, waren oft von ihm fasziniert, so als habe er ihnen mit seinem gelebten Leben die Erlösung aus einem einengenden und Druck erzeugenden Lebensstil in Aussicht gestellt, denn davon verkörperte er das absolute Gegenteil. Bernd hat es in diesen Begegnungen immer wieder geschafft, Brücken zu bauen und einen guten Rapport herzustellen, auf seiner Basis von Wohlwollen, Herzenswärme und Humor.

Bernd passte in kein Klischee: bei manchen Dingen absolut chaotisch und gleichzeitig in der Lage, riesige Fortbildungsveranstaltungen in Italien und in Brasilien zu organisieren; den Menschen einerseits sehr zugewandt und mit höchster Sensibilität und Intuition begegnend, und gleichzeitig ist es ihm nicht so recht gelungen, seine Sehnsucht nach einer dauerhaft erfüllenden Partnerschaft mit einer Frau zu erfüllen; sehr treu in der Beziehung zu alten Weggefährten und Gefährtinnen und manchmal auch sprunghaft in seinen Personalentscheidungen.

In seinen Seminaren war er sicher kein Didaktiker, wie er in vielen Büchern beschrieben wird. Des Öfteren führten seine Demonstrationen und seine zahlreichen Querverweise bei den Teilnehmenden erst einmal zu einer Art „Verwirrungs-Trance“, denn er verband mit großer Eleganz die unterschiedlichsten Ansätze und Vorgehensweisen – er konnte lösungsorientierte Gesprächsführung plötzlich mit einem schamanischen Ritual verbinden, eine Timeline-Arbeit mit ausführlichen Muskeltests oder die Arbeit mit inneren Persönlichkeitsanteilen mit Playmobil-Aufstellungen. Dies eingehüllt in einen Sprachmantel aus hypnotherapeutischen Sprachmustern, die immer typisch und frisch Bernd waren, gespickt mit seinem wunderbaren Humor, mit dem er auch sich selbst auf die Schippe nahm.

Wenn man ihn im Sommercamp in einer Seminarpause gefragt hat, was hast du denn gerade gelehrt, dann war eine häufige Antwort von ihm: „Alles.“ Und dies war nicht übertrieben: Er wollte allen immer möglichst viel von seinen Erkenntnissen mitgeben, und dies hat „Anfänger“ in seinen Seminaren eigentlich überfordert, doch Bernd hat es aufgefangen mit einer riesigen Portion Vertrauen und Zuversicht in die Fähigkeiten und Kompetenzen seiner SeminarteilnehmerInnen. Er hat immer zum Ausdruck gebracht: „Du schaffst das, trau dich, das wird schon, vertraue deiner Kreativität, geh deine eigenen Wege“. Und deshalb war er auf seine Art auch ein sehr guter Pädagoge – er sah in seinen Gegenübern die Potentiale, die ihnen selbst noch gar nicht bewusst geworden waren.

Wenn er auf meine Einladung hin in Frankfurt in einer NLP-Master-Ausbildung war, bin ich gerne als “Co-Trainer” dabeigeblieben, weil ich immer wieder neue Anregungen für meine eigene Arbeit von ihm erhalten habe. Mit seinem Humor ist es ihm auch gelungen, Verständnis für so manches Chaos zu erreichen. Ein Freund und Mitarbeiter von ihm hat gesagt: „Mit Bernd war es meist eine wilde Fahrt; nie langweilig, immer lehrreich.“

Manche haben ihn belächelt, und durch seine äußerst unkonventionelle Art hat er sich in seiner Fachkompetenz manchmal auch angreifbar gemacht – doch Bernd schien dies egal zu sein. Er ist seinen Weg gegangen und hat sich nicht unterkriegen lassen.

Seine Idee, Brücken zu bauen zwischen unterschiedlichen Ansätzen und „Schulen“, zeigte sich in Reinform auch in seiner Kreation der X-Change-Veranstaltungen im Sommercamp. Es machte ihm sichtbar Freude, mit den bekanntesten Vertreter*innen von systemischer Hypnotherapie (Gunter Schmidt), systemischer Strukturaufstellung (Insa Sparrer und Matthias Varga von Kibéd) und Hypnotherapie (Stephen Gilligan) zwei Tage gemeinsam live auf der Bühne mit Klienten zu arbeiten, Gedanken und Vorgehensweisen auszutauschen und sich gegenseitig zu ergänzen und in Frage zu stellen – Unterschiede waren willkommen.

Bernd hat durch seine Art sehr vielen Menschen einen großzügigeren Blick auf sich selbst ermöglicht und er hat mit den Sommercamps in Italien und den Camps in Brasilien wirklich etwas sehr Beeindruckendes und Großes geschaffen. Mit Wehmut und Freude erinnere ich mich an das Ritual, mit dem Bernd jedes Jahr das Sommercamp eröffnete: mit einem Gedicht von Reiner Kunze, das Bernd jedes Mal in neuen Variationen vorgetragen und mit allen Anwesenden körperlich inszeniert hat:

Rudern zwei ein Boot,
der eine kundig der Sterne,
der andere kundig der Stürme,
wird der eine führn durch die Sterne,
wird der andere führn durch die Stürme.
Und am Ende, ganz am Ende,
wird das Meer in der Erinnerung blau sein.
(R. Kunze)

Und dass er jetzt in Afrika gestorben ist – in der Wiege der Menschheit – das passt zu dem, wie er sein Leben gelebt hat. Leider mit 65 Jahren viel zu früh.

Lieber Bernd, am Ende, ganz am Ende, wird das Meer in der Erinnerung blau sein … du fehlst.

 


Michael H. Klein hat 1989 seine NLP-Ausbildung bei Bernd begonnen und ist bis heute Trainer im Metaforum in Frankfurt.