Die offenen Grenzen des NLP

Von Bernd Isert

NLP ist bekannt geworden. Mit höchst unterschiedlichem Image. Da ist die Rede von der Umsetzung tiefster Weisheit, effektivster Veränderungstechnik, aber auch von hirnlastiger Selbstbefriedigung und gefährlichem Manipulationswerkzeug. Und jede Sichtweise hat ihre Wahrheit. Das Bild erweitert sich in der Zusammenschau. Welchen Stellenwert hat das Kommunikationsmodell des NLP und das, was Menschen damit machen im Rahmen unserer kulturellen Entwicklung? Ist NLP zu amerikanisch leicht-sinnig oder gar zu deutsch tief-sinnig? Die nun folgenden Themen und Thesen mögen Denkanstöße sein – um seine Grenzen und Möglichkeiten zu sehen und zu nutzen. Ja, auch Grenzen zu nutzen.

Von der Weisheit hinter den Zielen

Unsere Vernunft ist Teil unseres Gesamtsystems Persönlichkeit, keinesfalls aber mit ihr identisch, jeder Mensch wieder ist Teil des Beziehungsnetzes, letztlich Teil der Welt. Wer aber setzt Ziele? Wenn ein Teilsystem vorab die Ziele für das Gesamtsystem definiert, ist das Diktatur. Und die kostet viel Energie. Ein weiser König hingegen befiehlt seinen Untertanen genau das, was sie gerade wirklich wollen.

Probleme werden häufig von denselben Erlebnis- und Denkstrukturen verursacht, mit denen Menschen sie zu lösen versuchen – und ihre so gewonnenen Ziele und Strategien bleiben ein „mehr des gleichen“. Ein Entdecker aber kennt häufig nur den nächsten Schritt – und erschafft aus der Gegenwart seinen Weg. Einen, den er sogar genießen kann.

Vom „Wie“ zum „Was“ und „Wofür“

Es war ein großer Fortschritt, sich mit dem „Wie“ der Kommunikation zu befassen, Gesetze der sinnlichen Verpackung zu erlernen und die Dynamik von Prozessen zu beschreiben, aber …

Die Werbung versteht es immer besser, das unsinnigste Zeug grandios zu verpacken – Kinder von heute jedoch fragen: Warum? Wofür? Was steckt dahinter? – und das, was Sinn gibt, mag sinnlich kaum im Vordergrund stehen. Wie lange brauchen wir, um zu finden, was wirklich zählt? – zum Beispiel in der Begegnung mit Menschen. So tritt neben dem „Wie“ des Kommunizierens die Frage in den Vordergrund: „Was ist wichtig, kommuniziert zu werden?“ Wie wäre nach der technischen Vervollkommnung aller Kommunikationsmittel die These: „Die Form ist nichts, der Informationsinhalt ist alles.“ Homöopathen und spirituellen Menschen mag sie gar nicht so fremd klingen.

Von Rezepten und „erprobten Wegen“

Während es kaum jemand an solchen Rezepten fehlt, ist jedoch die Unsicherheit darüber, was gerade richtig ist, gestiegen. Die Reduzierung der Vielfalt auf elementare Grundprinzipien (Reduktionismus) und die Wieder-Entwicklung unserer Intuition erst machen es möglich, aus all den Konfektions-Modellen das Passende auszuwählen, oder – noch besser – maßgeschneiderte Kleidung zu erhalten.

NLP erforscht, organisiert und reorganisiert sinnliche Erfahrung

Die Modelle, nach denen das geschieht, sind nicht gerade die sinnlichsten, angefangen bei der Bezeichnung Neuro-Linguistisches Programmieren. Aus Nominalisierungen, Tilgungen, Verallgemeinerungen, Konstruktionen bildete sich eine Insider-Sprache, die sinnlich-sensible Menschen zunächst abschreckt – zumal nicht jeder den amerikanischen Stil magn… Und wie wird damit gearbeitet ?

Hauptmittel, um das innere Erleben von Menschen zu erfassen und organisieren, ist wieder die Sprache. Sie aber ist nicht immer der geeignete Weg – und häufig nicht der direkteste (wie Körpertherapeuten, Kinesiologen und Meditierende wissen). Die Übersetzungsmöglichkeit von Informationen in das und vom Sprachzentrum ist unterschiedlich. Aber der einem Klienten überhaupt zugängliche Wahrnehmungsspielraum bildet den Rahmen, auf den klassische NLP-Arbeit beschränkt ist – so ist es gut, ihn auf andere Art zu erweitern. Für nonverbales NLP gibt es viele Wege. Ressourcen, zudem, müssen nicht nur im Klienten gesucht werden – sie lauern überall – und manchmal ist nur ein Spiegel nötig oder ein Modell, vom NLPeuten repräsentiert und vermittelt.

Der Kommunikator ist Teil, nicht Beherrscher des Systems, innerhalb dessen er kommuniziert

Schon die Vorstellung, guten Kontakt könne einer „machen“, verkennt diese Einsicht, ebenso wie die Absicht, den Gesprächspartner zu vorher einseitig definierten Zielen „führen“ zu wollen. Beides rächt sich langfristig in der Praxis. Ohne das Modell des gemeinsam verwirklichten win-win-Prinzips hat NLP nicht viel mit Kommunikation zu tun. Synergetische Beziehungen aber entwickeln sich wie ein Tanz, im Folgen und Führen zugleich – und das Ergebnis ist mehr als beide ahnten.

Auch die inneren Vorstellungen des Kommunikators sind Teil des Beziehungs-Systems – und in der Veränderungsarbeit von vielleicht größerer Bedeutung als die aktuell angewandte Methodik. NLP organisiert zuallererst die Vorstellungswelt und die Glaubenssysteme des Kommunikators in bestimmter Weise – wenn dieser glaubt, den Klienten zu ankern, ankert er ja zunächst einmal sich selbst. Doch eine nach NLP-Mustern organisierte Vorstellungswelt ist nur eine Möglichkeit – und es gibt unmittelbarere Wahrnehmungswelten, die zwischen Menschen vielleicht viel mehr bewegen. Ob in der Liebe, in der Menschenführung oder beim genialen Künstler. Besonders wirkungsvoll verlaufen NLP-Prozesse, wenn der Therapeut Ressourcen, die er in mir wecken möchte, auch in sich erleben kann. Oder sie doch zumindest kennt.

NLP als Meta-Modell der Kommunikation

Allein die Intention, aus einer Meta-Position heraus die Gestaltungsprinzipien des Lernens und Kommunizierens verschiedenster Individuen und Kulturen zu beschreiben (modellieren) kann nicht genug gewürdigt werden. Die Rückbesinnung auf Gregory Bateson und die Weiterentwicklungen von Robert Dilts (z.B. Unified Field Theory) überwanden glücklicherweise die mechanistischen Sinnes-Strategien und erreichen nun tatsächlich ähnliche mehrdimensionale Beschreibungstiefen, wie andere große Meta-Modelle – von der Systemtheorie bis zu östlicher Mystik. Wird der Anspruch auf Wahrheit fallengelassen, ist es möglich, zwischen Weltmodellen zu wählen, sie frei zu wechseln und zwischen ihnen zu vermitteln. Ein Polytheismus der Weltbilder entsteht, der Frieden stiften und Brücken bauen kann. Diese Idee, weniger die Fertig-Modelle im Einzelnen, sind der große Verdienst von NLP. Dabei stellt NLP selbst wieder ein Weltbild dar – mit Schnittstellen für objektive rationale Menschen ebenso wie für intuitive oder esoterisch orientierte. Es könnte dazu beitragen, die ohnehin nur scheinbare Unvereinbarkeit „objektiver“ und „subjektiver“ Weltbilder zu versöhnen.

Hinzu kommt die zeitgemäße Vorgehensweise, beliebige Modelle mit individuellen Inhalten zu füllen, sie sinnlich zu erfahren und für die persönliche Entwicklung zu nutzen. Während die alten Rituale unserer Kultur für viele Menschen Sinn-entleert wurden, schafft NLP Sinn-erfüllte Formen, sich selbst und die Welt ritualhaft zu erleben und zu entwickeln. Vorausgesetzt, die Struktur des Modells hat Raum für die Intention und Erlebnisvielfalt des Individuums. Vielen Menschen mag das indische Chakrensystem oder das Hirndominanzmodell da hilfreicher erscheinen als die Logischen Ebenen von Dilts. Anderen sind die gestalthaften Archetypen von C.G. Jung zugänglicher als die Bausteine der Meta-Programme des NLP. Und manch einer mag sich schon aufgrund der rationalen Beschreibungen keinesfalls nach NLP-Muster organisiert erleben. Mit Recht, denn Fertigmodelle und Raster jeder Art verstummen vor der unendlichen Vielfalt des individuellen Lebens. Jedes Modell erfasst andere Aspekte aus einem anderen Blickwinkel. Meine Kreativität verläuft anders als die von Einstein oder Walt Disney, aber es war bereichernd zu lernen, was NLP von den beiden gelernt hat.

Wie aber ist unsere Fähigkeit entwickelt, verschiedene Modelle der Welt jenseits des Wahrheitsanspruchs, also der Wertmaßstäbe eines anderen Modells, ausprobieren und nutzen zu können? Hat sich die Einsicht, dass keines der NLP-Modelle mit Wahrheit zu tun hat, erhalten? Wahrheit suchen zum Beispiel die vielen wissenschaftlichen Arbeiten über die Richtigkeit des Augenzugangsmodells. Auch die Praxis des „Ankerns“ mag mehr mit Vereinbarung als mit den Konditionierungsgesetzten nach Pawlow zu tun haben. Die jeweils nächste Generation weiß, dass im Grunde alles ganz anders ist.

Es geht heute nicht mehr ums Rechthaben. Ganzheitlichkeit heißt, die Welt wieder aus verschiedenen Modellen heraus betrachten zu können – mit den Augen eines Astrologen ebenso wie mit denen eines „NLPeuten“, eines Wissenschaftlers oder eines Heilers. Erst der zweite Schritt kann es sein, das Potential und die Wirksamkeit, nicht die Wahrheit der Modelle zu vergleichen – um jedes würdigen zu können. Was sie wirksam macht, mag etwas ganz anderes sein als vermutet. Vielleicht die Erweiterung der Erfahrungswelten zweier Menschen, die sich im Austausch aufeinander beziehen. Dies fördernd, kann NLP Dienst am Frieden leisten.

Viele beschreiben, wie das Hirn funktioniert

Das Interessante am Hirn aber ist, dass es die Fähigkeit hat, immer genau so zu funktionieren, wie das jeweils modernste Modell, indem es dessen Strukturen innerlich nachbildet – um irgendwann dann darüber zu lächeln, wie es sich sah: als Trichter, als Computer, als Antenne für Morphogenetische Felder, Neuronales Reflex-Netzwerk, als Hologramm, Poly-kontexturales System, als Tempel – schön und gut, für diesen oder jenen Aspekt.

Welches Modell macht welche Entwicklungen möglich? Da wir zur Beschreibung unseres Hirns unser Hirn gebrauchen, scheint da im Übrigen immer ein bisschen mehr zu sein, als das, was es in Worte und Bilder fassen kann. Vielleicht sogar unendlich viel mehr. Gerade geschaffen.

Vom Modellieren

Wir können uns Modelle bilden, indem wir den Menschen an ein Raster anlegen, ein Formular ausfüllen, sie an einer Vergleichsstruktur messen. NLP bietet mittlerweile verschiedenste Strukturen hierfür an – wo aber liegt deren Quelle? Wenn wir ganz unwissend und neugierig die Gedanken und Erlebnisweise eines Menschen nachvollziehen, entdecken wir vielleicht Muster und Welten, die in kein bekanntes Raster passen, die selbst ein neues Modell darstellen, das wir beschreiben und weitergeben können, allen, die es ausprobieren möchten. Dies ist der Schöpfungsakt, aus dem NLP hervorgegangen ist. Es kommt aber nicht darauf an, von ihm zu leben, sondern neu zu schöpfen – manchmal auch so, als hätte es NLP nie gegeben.

Von Einbahnstraßen und falschen Türen

Wenn der Versuch, Probleme zu lösen, diese nur verstärkt, nimmt das Ergebnis nicht wunder: Fragen Sie einen verschlossenen Menschen einmal richtig aus, massieren Sie den, der keinen Körperkontakt mag, kritisieren Sie den, der sich schuldig fühlt, bieten Sie jemandem NLP an, der das „ganze neue Psychozeug“ schlimm findet – solcher Vorgänge wird sich ein guter NLP-Praktiker natürlich bewusst, kann sie vermeiden oder utilisieren. Zur Aufrechterhaltung von Problemstrukturen trägt NLP dennoch häufig unbewusst bei solchen Menschen bei, die „alles in den Griff kriegen wollen“, „alles immer mehr, besser und schneller“ machen müssen, denen, die das Leben detailgenau planen wollen, oder denen, die nur gern „so tun, als ob“. Ziel ganzheitlicher Veränderungsarbeit kann aber nur Balance sein. Und es ist interessant, zu erkennen, wo NLP selbst außer Balance ist – vielleicht als Erbe seiner Entwickler.

Von anderen Wegen

Wenn wir erkennen, dass aller Stress das Resultat innerer Vergleiche ist, dass innerer Dialog, Erinnerungen und Konstruktionen uns das Rohmaterial für diese Vergleiche liefern, kann NLP auch ein Wegweiser auf dem Pfad der Meditation und Grenzüberschreitung sein – und sei es nur hin zu mehr Gelassenheit in der Gegenwart, vielleicht zu einem Gefühl, mehr zu sein als wir von uns glaubten. Nichts unveränderliches, sondern die Entwicklung selbst zu sein. Was wir tatsächlich sind. Nur unsere alten Konzepte machen uns manchmal unbeweglich – bis wir lernen, auch sie zu verwandeln.

NLP als Leiter

Manch Kritisches habe ich nun geschrieben, zum Sinn und Un-Sinn des NLP – und dass ich das konnte, verdanke ich NLP – den Prozessen, die ich erprobt habe, den Menschen, die mir begegnet sind, den Erfolgen und Misserfolgen, aus denen ich gelernt habe. Und es ist lebendig geblieben – ein Glasperlenspiel unserer Zeit. Manchmal ist es auch eine Leiter auf dem Weg in Räume, die es im NLP gar nicht gibt – noch nicht … Leitern haben begehbare Stufen – für Aufsteiger und Einsteiger. Wohin Sie damit gehen – das macht den Unterschied.